Nicht jeder Rost ist altes Eisen

Seit Juni 2017 trägt die Universität Leipzig ein neues Gewand: Die Berliner »Right-Service-Agentur« Aperto entwickelte für die Hochschule ein neues »Corporate Design« inkludierend nicht nur Farben, Winkel und Schriften, sondern auch ein verändertes Logo. Anstelle des alten grauen Kastens mit dem Schriftzug »Universität Leipzig« tritt das zuvor unter anderem auf der Vorderseite des Studentenausweises verwendete Rektorsiegel, auch um die nach eigener Zählung zweitälteste Universität Deutschlands von weniger traditionsreichen Hochschulen im In- und (insbesondere amerikanischen) Ausland abzuheben: Ein Universitätssiegel hat nicht jeder.

Um so wichtiger sollte der Universitätsleitung der Umgang mit dem eigenen Siegel sein. Doch bildliche Inhalte und Bedeutung des Siegels scheinen bei der Neubearbeitung keine Rolle gespielt zu haben. Bei dieser wurde, um das Siegel in kleiner Größe besser (wieder)erkennbar zu machen, eine Vielzahl der Linien der ursprünglichen Digitalisierung entfernt. Dabei gingen aber nicht nur Schmucklinien im Merseburger Dom (welcher den Hintergrund bildet) verloren, sondern auch das den abgebildeten Heiligen Laurentius (links) charakterisiernde Rost (im Sinne von »Metallgitter«). Auch der neben ihm stehende Johannes der Täufer hat die Prozedur nicht folgenlos überstanden.

Gut erkennbar ist der fehlende Rost zwischen Laurentius rechter Hand und seinem rechten Fuss. Wo im alten Siegel der Rost stand, sieht man in der neuen Fassung Laurentius rechtes Bein und eine Art Umhang. Der fehlende Rost erklärt auch die seltsam anmutende Körperhaltung des Laurentius.

Um verschiedene Personen oder die Ämter dargestellter Personen zu unterscheiden, die man durch die Grob- oder Kleinheit des Bildes nicht anders trennen konnte, nutzte man zur Entstehungszeit des Siegels ebenso wie heute mit der Person verknüpfte Gegenstände, sogennannte Attribute (lat. attributum, »das Beigefügte«). Manches aus der mittelalterlichen Welt der Darstellung, wie zum Beispiel den Heiligenschein, die Königskrone oder Justizias Waage und Schwert erkennt man auch heute noch. Die Attribute selbst wichtiger Heiliger sind dem kulturellen Gedächtnis aber entronnen: So blieb der Rost wohl bei Neubearbeitung unerkannt und ging verloren.

Warum ist also die Löschung des Rostes des Laurentius überhaupt problematisch? Schließlich würde die Mehrheit der Betrachter ihn auch mit Rost nicht als spezifischen Heiligen, sondern nur als generischen mittelalterlichen Mann erkennen. Und unter denjenigen, die Laurentius an seinem Rost erkannt hätten, ist das Wissen um seine Verbindung zur Universität Leipzig verbreiteter. Aber: Folgt man dieser Logik, so stellen die beiden Figuren wirklich nicht die Heiligen Laurentius und Johannes, sondern symbolisieren nur noch das Alter des Siegels. Ihre Bedeutung ist dieselbe wie die der Jahreszahl unter ihnen. Ist das verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte der eigenen Institution?

Wir sind anderer Meinung. Wenn das neue Logo unserer Universität mehr aussagen soll als das alte, so sagen wir: Keine halben Sachen! Kein kastrierter Laurentius, keine moderne Schriftart im alten Siegel! Für eine originalgetreuere Bearbeitung unseres Universitätssiegels oder eine kreative Neuleistung, aber auf jeden Fall gegen ein ästhetisches Zwitterwesen zwischen Moderne und Tradition, gegen einen Erinnerung nur vortäuschenden Nachbau.

Jan Moritz Petschick

Mitunterzeichnende:
Fachschaftsrat Informatik der Universität Leipzig
Fachschaftsrat Mathematik der Universität Leipzig
Mathias Bauer
Steffen Berlich, Mitglied im Ortskuratorium Leipzig der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und Kirchvorsteher der Ev.-Luth. Sophienkirchgemeinde
Milon Renatus Brunner
M.Ed. Susanne Dögnitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Didaktik der Mathematik
Tim Feind, Sprecher des Fachschaftsrates Geschichte der Universität Leipzig
Gabriel Hoffmann
Brigitte Kempe-Stecher, Ortskuratorin Leipzig der Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Prof. Dr. Bernd Kirchheim, Professor für Analysis an der Universität Leipzig
Dr.med. Kasimir Krämer, Absolvent der Medizinischen Fakultät 1956 und Mitglied des Alumni Vereins Medizin
Klaus Plätzsch
Prof. Dr. László Székelyhidi Jr., Professor für Angewandte Mathematik an der Universität Leipzig
Laurens Wittchow
M.Ed. Holger Wuschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Didaktik der Mathematik
Prof. Dr. Frank Zöllner, Professor für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und Direktor des Instituts für Kunstgeschichte
Jamila Zurec

Andere bei der Vereinfachung entstandene Veränderungen und Fehler:

Gelistet von links oben nach rechts unten:

Fragen und Antworten:

Das Corporate Design hat viel Geld und Arbeitskraft verschlungen. Soll all dies umsonst gewesen sein?

Nein! Das neue Gewand der Universität ist unserer Meinung nach im großen und ganzen gelungen und beinhaltet viele schöne Ideen, wie zum Beispiel die Übernahme der Farben und Formen aus der Architektur des Hauptcampus. Gerade deshalb wirkt das inhaltlich wie künstlerisch zu kurz gekommene Siegel so deplaziert.

Was suchen Laurentius und Johannes der Täufer auf dem Rektorensiegel der Universität?

Sie waren die Schutzheiligen des ehemaligen Bistums Merseburg, dessen Bischof zugleich Kanzler der Leipziger Universität war. Diese Verbindung war wichtig für die Universität und wird durch die Unkenntlichmachung Laurentius unsichtbar.

Warum trägt Laurentius gerade einen Rost?

Der heilige Laurentius ist ein Märtyrer, der auf einem glühenden Eisenrost zu Tode gefoltert wurde.

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